Günstige Räume sind in München eine Rarität, auch für Kulturschaffende. Doch wo sollen mittellose Künstler ihre Projekte in der Großstadt ausleben? Drei Virtuosen aus der Gastronomie- und Clubszene haben sich dafür das Konzept des Tatzelturms als Lösung überlegt.

„Erst wenn der letzte Club geschlossen, das letzte Festival abgesagt und die letzte illegale Party aufgelöst ist, werdet ihr feststellen, dass man zum Klimpern von Geld nicht tanzen kann.“ – Dieses Statement prangt über dem Facebook-Profil von David Süß, dem Betreiber des Münchner Technoclubs Harry Klein. Seit Jahren kämpft er für mehr kulturellen Freiraum, für ein Ende des Clubsterbens, für mehr Nutzung von freistehenden Flächen. Zu lange hat er darauf gewartet, dass die Politik etwas gegen die (Wohn-)Raumnot des Ballungsraumes unternimmt – Jetzt ergreift er selbst die Initiative.

 

Gemeinsam mit Florian Schönhofer und Louis Grünwald vom Café Kosmos hat er sich das Konzept für den Münchner Tatzelturm überlegt. Wie eine Art Elfenbeinturm soll der bald als zukunftsorientierter Rückszugs- und Begegnungsort für Kreative aller Art dienen. Dabei sind jegliche Altersklassen, Geschlechtsidentitäten und Ethnien willkommen, die zur Auslebung ihrer vielfältigen und bunten Subkultur Platz benötigen. Hier kann gesungen, getanzt, gekocht, gemalt, gebastelt, gefeiert und gelacht werden. Für ihr Herzensprojekt haben die Initiatoren nun eine passende Location gefunden: Eine jahrzehntelang brachliegende Grünfläche neben der Autobahnhochbrücke A9 Freimann, die gut von der U-Bahn-Haltestelle Studentenstadt erreichbar ist.

Keine Nachbarn also, die sich an einer Lärmbelästigung stören könnten – das befürwortet auch die Stadt und unterstützt Süß, Grünwald und Schönhofer in ihrem Vorhaben. Den Dreien wurden ca. 2000 Quadratmeter Nutzfläche angeboten, die nun gestaltet werden können. Mit etwas Glück könnten sogar weitere Flächen zwischen den Betonbrückenpfeilern genutzt werden, wenn der Bund einen Antrag im Verkehrsausschuss freigibt. Etwas ungewöhnlich ist der Standort zwar schon – doch wenn der Platz fehlt und die horrenden Kosten der Innenstadt nicht mehr zu tragen sind, muss man eben kreative Wege finden, diesen Problemen auszuweichen. „Wären wir in Japan, wäre die gleiche Fläche schon lange unter- und überirdisch bebaut worden“ – Da ist sich Louis Grünwald sicher.

 

Den Initiatoren des Tatzelturmes ist es schon lange wichtig, Räume zu erschwinglichen Preisen anbieten zu können. „Die Mietkosten im Tatzelturm sollen nur den Erhalt der Flächen abdecken und nicht zur Bereicherung dienen“, erklärt Louis Grünwald. Dadurch müssten subkulturelle Projekte in Zukunft nicht unbedingt nach Mietende auslaufen oder an finanziellen Hürden scheitern. Denn die drohende Immobilienblase und zunehmende Mietpreise in Großstädten wie München machen auch zahlreichen kleinen Kreativprojekten schwer zu schaffen. „Es gab viele gute Ideen für den Ostbahnhof, das Domagk-Gelände oder den Flughafen Riem“, meint Louis – „doch die sind alle an den steigenden Kosten zugrunde gegangen.“ Genau das soll im Tatzelturm verhindert werden. „Deshalb nutzen wir eine freie Fläche, die keiner braucht. So ist es für die Kulturschaffenden möglich, ohne Kostendruck zu arbeiten und sich in Ruhe zu entfalten.“ Ein schöner Ausblick für die kreative Szene Münchens.

Wären wir in Japan, wäre die gleiche Fläche schon lange unter- und überirdisch bebaut worden

Mithilfe einer neugegründeten Kulturgenossenschaft wird nun alles darangesetzt, das ehrgeizige Projekt schnellstens auf den Weg zu bringen und möglichst viel Fläche zu nutzen. Dabei werden die Bauleiter vom Architecture Research Incubator der TUM unterstützt, das sich derzeit mit der Initiative „Make Munich weird (weird scho)“ für mehr Mut und Innovation in der urbanen Raumgestaltung einsetzt und nun ebenfalls dabei hilft, ein Konzept für den Tatzelturm auszuarbeiten. Bis so ein Großprojekt am Ende jedoch fertig gebaut sein wird, dauert es sicher noch drei bis fünf Jahre. In dem Kulturzentrum sollen Proberäume, Gastronomien, Bars, Werkstätten, Bühnen oder Ateliers entstehen. Denkbar wäre auch, dass dort das „Harry Klein“ nach Ablauf seines Pachtvertrags in zwei Jahren dauerhaft umgesiedelt wird – Oder die Bar „404 Page not found“ wieder neu aufleben kann. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt – Und wir sind gespannt, welche Projekte im Tatzelturm alle verwirklicht werden.