Den aufmerksamen NeuköllnerInnen ist sicher schon aufgefallen, dass es fabulösen Zuwachs in der Friedelstraße gibt! Lange genug hat es gedauert, doch nun endlich sind die Pforten geöffnet und das Kitten Deli lockt mit allerlei Speisen und Getränken, sowie einem ganz besonderen Zukunfts-Gedanken. Wir verbringen ein wundervolles Abendessen mit Ngoc Duong, der Inhaberin des Kitten Deli, und sprechen über Hummus, über Neukölln und Urlaube im Wohnwagen…

Es war wahrscheinlich schon im Februar, dass ich das erste Mal mit Ngoc Emailkontakt hatte, weil ich eigentlich geplant hatte, über einen anderen Laden von ihr zu schreiben, der aber derzeit wegen Covid-19 fürs sich hinsetzende Publikum geschlossen hat. Damals hatte sie mir schon ganz euphorisch erzählt, dass sie und ihr Ehemann an einem neuen Projekt dran sind: genau eine Tür weiter vom Älteren. Mit einiges an Muskelkraft und Mühe haben Ngoc und ihr Team die gesamte Räumlichkeit einer alten Neuköllner Bäckerei umgestaltet und einen wunderschönen Raum erschaffen, der an jeder Ecke eine Mischung aus alter Tradition und neuen Elementen ist. Zum Beispiel haben wir da die alten Holzdielen und eine dunkle Wandvertäfelung mit Spiegeleinsätzen hinter der Bar und dann dazu die Wände, die neu in einem herrlich wohlfühlenden Grün erleuchten. Dann gibt es eine Vitrine, in der jetzt die duftenden Challahs liegen und sich Gläser voller fermentierter Dinge stapeln wie Zitronen oder Harissa, die aus der alten Auslage der Bäckerei gebaut wurde. Diese alt/neu Kombination lässt mich sofort in einen angenehmen Wohlfühlmodus gleiten, den ich, Dank Ngocs unglaublicher Herzlichkeit und der Gastfreundlichkeit des ganzen Teams des Delis, den ganzen Abend lang behalte.

Im März, kurz vor dem totalen Lockdown, hatte mich noch eine E-Mail von Ngoc erreicht, dass man jetzt mit Gutscheinen für das baldig eröffnende Kitten Deli den weiteren Umbau via Crowdfunding unterstützen kann. Ganz viele BerlinerInnen hatten die Gutscheine gekauft und dadurch ihren Support zeigen können. Doch kurz vor der geplanten Eröffnung: Bumm! Corona schlägt ein und legt die gesamte Gastro erst einmal lahm.

Doch nicht alles an diesem Fullstop war schlecht, wie wir auch wieder im Gespräch mit Ngoc feststellen: Klar, es ist schwierig überhaupt stabile Einnahmen in der Gastro zu erwirtschaften und noch schwieriger ist das alles, wenn man total unvorbereitet schließen muss oder gar nicht erst aufmachen kann. Aber Corona bringt auch Chancen mit sich wie zum Beispiel die Infragestellung unseres ewigen Perfektionismus. Muss denn immer alles gleich perfekt sein, um fertig zu sein? Muss alles stehen, alles geplant sein, man auf alle Möglichkeiten vorbereitet sein um öffnen zu können? Oder ist dieses Vertrauen in die Entwicklung und der Prozess der Entstehung eines Projekts nicht auch etwas, das wir viel zu selten genießen, weil wir schnell ins Ziel wollen? Im Ziel warten nur wieder andere Dinge, um die sich gekümmert werden will. Der vermeintliche Endpunkt in unserem Perfektionismus ist nichts anderes als ein weiterer Startpunkt für entferntere Ziele.

So fließen unsere Gespräche über den langen und sehr schönen Abend dahin und wir kommen vom einen zu andren, müssen uns immer wieder auf das Kitten Deli fokussieren und nicht zu sehr in philosophische und gesellschaftliche Themen abzugleiten.

Unter anderem sprechen wir auch über Neukölln und wie es war, als Ngoc mit ihrer Partnerin hier vor zehn Jahren ihren anderen Laden, das Café Katies Blue Cat eröffnet hat. Da war Neukölln natürlich noch ganz anders. Niemand wollte hier wohnen, Cafés und Restaurants gab es lange nicht in diesem Ausmaß wie heute und Ngoc sagt, ihre Straße war früher eine Alki-Straße. Sonst waren da nicht so viele Menschen auf den Straßen. Genau wegen dieser schwierigen Ungleichheit und der sozialen Verhältnisse vor Ort, die sich zwar inzwischen immer mehr verwischen, aber trotzdem für aufmerksame Augen noch überall erkennbar sind, ist es Ngoc ganz wichtig, dass das Kitten Deli keine Bar und kein Restaurant sein soll.

Es soll ein Deli sein. Ein kulinarischer Ort für den ganzen Tag. In der riesigen Backstube im hinteren Bereich des Lokals, sollen ab August verschiedene salzige und süße Waren aus dem Ofen kommen. Das Kitten Deli macht dann früh schon auf und schert sich nicht um KundInnen, die morgens in Pyjamahose den Laden betreten, um Frühstücksutensilien zu erstehen. Man soll natürlich sein dürfen und jeder soll sich hier willkommen fühlen. Dann kannst du auch morgens schon Hummus löffeln, der hier nach israelischem Original und Geheimrezept zubereitet wird und köstlich cremig am Gaumen zergeht und mich sehr glücklich macht. Dazu weich buttrige Challahzöpfe, warme fluffige Pita-Brote, Auberginen und Kohlrabis aus dem Ofen, Blumenkohl mit Tahini oder auch Shakshuka-Pfannen, die alle herrlich duften und wahnsinnig lecker schmecken.

Als Nachtisch essen wir einen warmen Apple Berry Crisp mit Ngocs Spezialzutat: flüssige Sahne obendrüber und schweben dahin. Lecker, lecker, lecker!

Auffällig ist, neben der Köstlichkeit der Gerichte, auch, dass Ngoc alle zwei Minuten jemandem winkt, jemanden grüßt oder jemanden sehr bedauernd abwimmeln muss, weil das Kitten eben um 22 Uhr schließt. Da wird klar: Diese Frau kennt den halben Kiez und ich kriege ein bisschen Gänsehaut bei so viel Unterstützung, Wertschätzung und Liebe, die hier spürbar wird. So liebe ich Berlin: sehr ehrlich und gleichzeitig sehr fair. Jeder bekommt hier eine Chance und wenn du gut bist, dann lieben dich die Leute und unterstützen dein Projekt, weil sie wollen, dass dein Laden bleibt. Ein großer Appell an alle bitte, bitte so zu bleiben! Das macht uns aus.

Info

Kitten Deli

Website

Friedelstraße 30
12047 Berlin
Tel. 030 62720757

Öffnungszeiten:
Mo u. Di von 11:00 – 22:00
Mi u. Do geschlossen
Fr bis So von 11:00 – 22:00

Kitten Deli

Friedelstraße 30, Berlin, Deutschland

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