Der ganze Stolz des Bordeaux in München: Wir wurden von Mouton Cadet zum Weintrinken eingeladen und sind an eine Grundsatz-Frage gestoßen: Wieviel Sexappeal braucht ein Wein wirklich?

Die Geschichte von Mouton Cadet, die ihren Beginn 1930 nahm, beinhaltet im Kern noch die selbe Botschaft, die der Weinproduzent auch heute transportiert: Im Jahr 1930 hatte Baron Philippe de Rothschild in Bordeaux die Idee, die ganze Fülle der Bordeauxterroirs einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mouton Cadet war geboren. Und noch bis heute steht der Wein für einen guten, verlässlichen und soliden Wein, den man mit rund acht bis zehn Euro im preislichen unteren Mittelfeld verorten kann. „Solide“ und „verlässlich“ mögen vielleicht nicht sexy klingen. Und ich, die Wein grundsätzlich nicht im Supermarkt kaufe, weil ich die Aura, die Beratung und die hübschen Geschichten zum Wein in Fachgeschäften einfach so gern leiden kann, bin eine große Liebhaberin von Sexy-Wein: Zum Beispiel Wein, der seit 130 Jahren immer wieder mit neuem Wein aufgegossen wird, und dadurch immer einen Bruchteil eines Weins von vor über 100 Jahren beinhaltet. Gekauft in einem kleinen feinen Laden, in dem immer noch ein Plausch gehalten wird. Wein, den man auf angeregte Art und Weise trinkt und teilt, voller Stolz auf diese tolle Entdeckung, mit den Gedanken bei der Traubenlese vom letzten Jahrhundert. Irgendwie sexy, oder?!

Sexy ist dieser Wein, den ich hier im Glas habe, per se nicht. Seine Machart basiert auf ehrlichem Handwerk, gesteigert zur Großproduktion; 453 Winzer aus der Bordeaux-Region machen den Wein, von dem jährlich 15 Millionen Flaschen verkauft werden. Aber dass Masse nicht gleich Klasse bedeutet, wissen wir alle. Also probieren wir uns durch und zu berichten beginne ich beim letzten Wein, der mir am besten gefallen hat. Nach dem Schluck vom Mouton Cadet Réserve Médoc 2015, halb Merlot, halb Cabernet Sauvignon, habe ich schwarze Johannisbeere, gefällige Würze und Frucht auf der Zunge. Mit der servierten Mousse au Chocolat mit Beeren eine leckere Kombination. Sanft, einfach und gut. Ich schaue links zu meiner Begleitung. Sie verputzt den letzten Löffel und kombiniert auch noch einmal mit einem kräftigen Schluck Bordeaux. „Warum muss eigentlich alles immer sexy sein?“, frage ich mich. Und schlussfolgere: Wenn ein Wein Freude, Genuss und Denkanstoß ist, kann er so unsexy gar nicht sein.