Heute stellen wir euch eigentlich einen wahren Klassiker vor. Mal war er hier, mal dort, mal nur ein Pop-up und dann wieder an einem festen Ort. Ein heiß diskutiertes und mutiges Projekt, das jetzt endlich einen größeren und gestandenen Platz im Prenzlauer Berg gefunden hat und hier seiner eigentlichen, vegetarischen Mission nachgehen kann: Love to the World aus dem Kanaan! Wer das Kanaan noch nicht kennt, ist wahrscheinlich noch nicht so lange im schönen Berlin, denn dieses israelisch-palästinensische (vegetarische) Restaurant gibt es, wenn eben auch immer mal wieder in neuer Form, schon viele Jahre. Und es zählt definitiv zu den besten Hummus-Plätzen der Stadt. Jetzt aber von vorne.

Zwei Freunde, zwei Länder, eine Grenze, eine Liebe

Wenn es darum geht, dass wir nicht alle die gleichen Chancen haben und trotzdem nicht aufgeben, sondern uns von der Liebe inspirieren lassen und dadurch gewinnen, kriege ich immer ein bisschen Gänsehaut. So war auch der Abend im Kanaan einer, an dem meine Haut so gar nicht mehr aufhören wollte zu prickeln, denn hier erwartet uns eine einzigartig schöne Geschichte.

 

Angefangen hat die Geschichte des Ladens aber in einem viel kleineren Format. Wir lernen bei unserem Besuch Oz kennen. Oz, der aus Israel nach Berlin kam und eigentlich gar nicht so lange bleiben wollte. Oz, der in Berlin gleich zwei Lieben seines Lebens kennenlernt. Alles beginnt dabei mit Jalil. Jalil kommt aus Palästina, und seine Familie fertigt dort ein ganz besonderes Tahini (eine für die orientalische Küche sehr typische Sesampaste), welches Oz und Jalil schließlich gemeinsam in Berlin vertreiben wollten. Wer jetzt hier nicht sonderlich politisch bewandert ist, dem sei im absoluten Schnelldurchlauf gesagt: In Israel ist eine Freundschaft zwischen einem Israeli (Oz) und einem Palästinenser (Jalil) nicht nur ungewöhnlich, sondern eher ein absolutes No-No. Und da ich die politisch schwierige Lage hier nicht mit einem Haha-Wortspiel à la „Die beiden Nationalitäten sind sich nicht so ganz koscher“ belächeln möchte, versteht ihr hoffentlich, auf was ich hinaus will: Die Beziehungen der beiden Völker sind mehr als angespannt, und eine Freundschaft über die Grenzen hinaus deshalb selten.

 

Oz und Jalil trafen sich also mit dem Einkäufer einer großen deutschen Handelskette, die hier mal anonym bleiben soll (wir wollen ja niemanden anprangern), um alles weitere zu verhandeln. Zu ihrer Überraschung aber entschied der Einkäufer sich gegen einen Vertrieb des Tahinis – mit der Begründung, dass die Firma im Konflikt zwischen Israel und Palästina keine Seite ergreifen wolle. Ich sagte ja: Es ist schwierig. Alles Über-, Herum- und Zerreden änderte seine Meinung nicht. Von der Qualität ihres Produktes überzeugt suchten Jalil und Oz eine andere Möglichkeit, ihr köstliches Tahini unter die Berliner zu bringen. Und so kam es zum ersten Pop-Up Event im Sommer in einer alten Brauerei.

Das beste Tahini der Welt

Oz hatte uns schon ganz zu Beginn erklärt, dass das Tahini von Jalils Familie ganz besonders zart und nussig schmeckt, weil die Sesamsaaten nicht so stark erhitzt werden wie in anderen Fabriken, in denen billigeres Tahini hergestellt wird. Ich dippe also einmal fluffig-flauschiges Pita Brot und bin im Sesamhimmel. Mhhhhh. Und wie schön das am Gaumen kleben bleibt. Himmelherrgott, das ist einfach unverschämt gut.

 

Natürlich sind wir nicht die ersten, die das Tahini und den damit hergestellten Hummus aus Oz‘ Küche lieben. Auch die Berliner am Pop-Up waren klug genug, zu erkennen, wie besonders dieses leckere warme Mus ist. Und so hatten Jalil und Oz nach einem weiteren Event genug Kapital gesammelt, um ihren ersten eigenen Laden in der Nähe der Prenzlauer Allee zu eröffnen. Mittlerweile gibt es den neuen Laden im Prenzlauer Berg, der mehr Platz bietet. Und seit ein paar Monaten gibt es auch noch einen Kanaan-Stand im KaDeWe, der zu Beginn des kommenden Jahres noch einmal erweitert werden wird. Ich habs euch ja gesagt: Alle lieben dieses Hummus, sogar die KaDeWe-ler!

 

Der Cousin von Baba Ganoush

Oz bestellt für uns einmal die Karte hoch und runter. Wir essen uns zuerst durch diverse kleine Vorspeisenteller und Salate, die allesamt wahnsinnig lecker und ganz fein abgestimmt sind. I am in love. Und das, obwohl ich noch nicht einmal weiß, wer da eigentlich in der Küche steht. Es gibt zum Beispiel gefüllte Weinblätter mit Minzjoghurt, die die saftigsten und weichsten sind, die ich je gegessen habe. Außerdem testen wir einen total gut kombinierten Salat aus Süßkartoffel, Birne, Walnüssen, Granatapfel und Kirschtomaten – das ergibt verschiedenste Aromen und Texturen. Mein Favorit unter den Vorspeisen ist Baba Zamir (nein, nicht Ganoush!), das irgendwie zitroniger und dadurch erfrischender und noch cremiger daher kommt als die mir bekannten Versionen des Cousins Ganoush.

Zum Hauptgang trinken wir Weißwein aus den libanesischen Bergen, der nur hier im Kanaan vertrieben wird. Weil Oz bewusst versucht, Waren aus Konfliktregionen zu vertreiben, um die ohnehin geschwächten Gebiete wenigstens mit seinem Umsatz zu unterstützen, finden wir ihn natürlich gleich noch ein bisschen genialer. Und dippen Diverses in große Schalen, gefüllt mit warmem Kichererbsenbrei und verschiedensten Toppings, bei deren Anblick uns das Wasser im Mund zusammenläuft.

Ich habs euch ja gesagt: Alle lieben dieses Hummus, sogar die KaDeWe-ler!

The true way to eat it

Wir starten mit einem Klassiker, der wohlbemerkt aus Oz‘ und Jalil’s Familienrezeptbüchern kommt, wie eigentlich alles im Kanaan: die Palästinensische Version. Es ewartet euch hier eine warme, nussige Superschale mit Hummus, unter den auch noch ganze Kichererbsen gerührt wurden (love!) und darauf ein Meer aus Tahini, ein hart gekochtes Ei mit Kreuzkümmel. Dazu serviert werden eine Knoblauch-Zitronen-Sauce und verschiedene Pickels.

 

Nachdem ich mein Pita ein paar mal in die Schale gedippt habe, unterbricht Oz meine Tagträumereien vom fernen Israel. Er nimmt ein Stück Pita, öffnet es und beginnt, Hummus hineinzulöffeln: „May I?“, fragt er, und ich sage natürlich nicht nein. Was folgt, ist ein einziges Hineinschichten der verschiedenen Zutaten, bis die Brottasche beinahe überquillt: Hummus, Tahini, Ei. Kichererbsen. Oben drauf streicht Oz dann noch etwas von der scharfen Soße, sprenkelt ein bisschen Kohl-Pickle darüber, dann ein bisschen Mango-Curry-Sauce und noch ein kleines Stück eingelegte Zitrone. Er reicht mir das Teil: „That’s the true way to eat it. Normally, we explain everything.“ Ich beiße hinein und bin, wie so oft, verzaubert. Süß, sauer, scharf, weich, warm, fluffig, cremig, lecker – Hummus. Ich sollte viel öfter, alle sollten viel öfter einfach mal eine warme Pita voll herzhafter Füllung essen. Das kann nur gesund sein – für Körper und Geist. Yummy!

„Es geht ganz viel um Respekt voreinander und das sich gegenseitige Helfen.“

Es um Glück, um Liebe, um Vielfalt, um Zusammenhalt

Ganz wichtig ist es Oz noch, zu erklären, dass sein Team und er versuchen, den Geschmack der Gäste ernst zu nehmen und die Gedanken ihres Publikums mit in die Karte aufzunehmen. Nur so sei es im KaDeWe zum Beispiel möglich gewesen, überhaupt Fuß zu fassen. Aus diesen Gedanken entstehen so spannende wie leckere Gerichte, wie zum Beispiel eine Kaisersemmel, die mit Zaatar verfeinert wurde, oder eine Hummus-Bowl, auf der eine Currywurst (vegetarisch natürlich, von beyondmeat) mit Tomatensoße thront, damit alle Berliner glücklich werden können.

 

Um Glück geht es ganz viel im Kanaan, das fällt mir schnell auf. Um Glück, um Lieben, um Vielfalt, um Zusammenhalt und darum, nie zu vergessen, dass, egal woher wir kommen, wir im Kern alle Menschen sind. Und im Team immer stärker als allein. Oz und Jalil setzen schon durch ihre Freundschaft und ihr Konzept ein Zeichen gegen Hass und Diskriminierung, aber auch durch ihre Angestellten schaffen sie es, diese Werte noch weiter zu transportieren. Da gibt es Oz, einen homosexuellen Israeli, es gibt den straighten Jalil, es gibt eine queere Store-Managerin, Bedienungen aus aller Welt und mit jeglicher sexueller Orientierung und es gibt den syrischen Küchenchef, der alles zaubert, das wir an diesem Abend so bejubelt haben. Jetzt erklärt sich auch, warum ich durchgehend Gänsehaut hatte. Denn Oz hat eine große Mission: Liebe.

 

Also traut euch – come to Kanaan und schwimmt selbst in nussig warmen Hummus-Schalen.

Info

Kanaan – israelisches &
palästinensisches Restaurant
Website

Prenzlauer Berg:

Schliemannstr. 15
10437 Berlin

KaDeWe:

Tauentzienstraße 21–24
10789 Berlin

Kanaan - israelisches & palästinensisches Restaurant

Schliemannstraße 15, 10437 Berlin, Deutschland

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